HomeGrundlagen & DeutungenGeschichte der AstrologieDer Planet Mars im Wandel der Zeiten - Teil 2

Der Planet Mars im Wandel der Zeiten - Teil 2

mars_spharea-klein Von Monika Heer

Um 3500 bis 2350 v. Chr. schaffen die Sumerer und Babylonier im Land zwischen Euphrat und Tigris die Grundlagen der abendländischen Kultur - so die einhellige Meinung der Altertumsforscher.

Mars - Der rote Planet der Babylonier


Eine ihrer wichtigsten Kulturleistungen ist die Erfindung der Keilschrift, die an die Stelle mündlicher Überlieferungen tritt. Moderne Medienforscher bezeichnen dies übrigens gerne als die erste mediale Revolution. Zunächst sind es nur Zeichen und Piktogramme, die auf Tontafeln gebrannt oder geritzt werden, später dann Buchstaben, Worte und Sätze. Sie geben Zeugnis vom Leben der ersten Hochkulturen. Rund 5.000 Tontafeln werden im 19. Jahrhundert bei Ninive ausgegraben, sie sind als Bibliothek des Königs Assurbanipal in die Annalen der Geschichtsschreibung eingegangen.
Insgesamt 70 dieser Tafeln bilden das astrologisch-astronomische Kompendium Enuma Anu Enlil (EAE genannt) und mit Hilfe dieser Tafeln kann heute der astrologische Kenntnisstand der Babylonier relativ exakt nachgezeichnet werden. (Anm. 2)

Aufgrund ihrer systematischen Himmelsbeobachtungen wussten die ersten Hofastrologen der Geschichte um die eigenwillige Dynamik des Planeten Mars, den sie Nergal („der Rötliche“) nannten. Nergal ist im Kosmos der Babylonier eine von mehreren Planetengottheiten. Er ist ein extrem unsympathischer Geselle und alle denkbar schlechtesten Eigenschaften werden ihm zugeschrieben. Nergal ist der Gott der Unterwelt, des Todes und Ehemann von Ereschkigal, der dunklen Schwester der Venus, die als Innana verehrt wird. Er ist für vernichtende Sonnenhitze zuständig und verursacht Brände bei Mensch und Vieh und alle Arten von Fieber. Außerdem steht er für den Kampf gegen feindliches Fremdland und verkörpert den schon damals nicht sonderlich wertgeschätzten Gott des Krieges.

Während ich diesen Artikel in der Vorweihnachtszeit 2007 schreibe, ist der rote Planet in unseren Breitengraden erstaunlich gut zu beobachten, denn Mars erreicht gerade seine größte Helligkeit in diesem dunkelsten Monat des Jahres. Während der Weihnachtszeit steht er mitten in der Nacht sehr hoch am südlichen Himmel. Dieses Phänomen ereignet sich nur alle 15 Jahre und beruht auf den Eigenheiten der Mars-Umlaufbahn. (Anm. 3).

Der griechische Mars

Seine rötliche Farbe und die Schleifen, die Mars am Himmel bildet, sind schon Jahrhunderte lang beobachtet und aufgezeichnet worden, als die Griechen, allen voran der berühmte Ptolemäus, das Lehrgebäude der klassischen Astrologie ausformulieren und schriftlich niederlegen. Auch Ptolemäus begreift Mars als hitzköpfig, charakterisiert ihn als heiß und trocken. „Beim Planeten Mars herrscht die ausdörrende Kraft vor, außerdem aber verzehrt und verbrennt er, wie auch seine Farbe schon der des Feuers ähnelt.“ (Anm. 4)

Die Auswirkungen marsischer Energie lesen sich nicht viel sympathischer, er ist „Ursache einer Zerstörung aller Enden durch dörrende Glut. Hinsichtlich der Menschen erregt er Kriege, innerlichen Zwiespalt und Aufruhr, Eroberungen und Vernichtung von Städten, Volksunruhen, Zorneshandlungen der Fürsten.“ (Anm. 5)

Der mythologische Mars der Griechen, Ares genannt, tritt für gewöhnlich in Begleitung von Eris (Streit), Deimos (Schrecken) und Phobos (Furcht) auf und wird mit griechenfeindlichen Stämmen in Zusammenhang gebracht. Außerdem ist er Vater der kriegerischen Amazonen. Ares besitzt in Griechenland nur wenige Kultstätten, es wurde ihm keine besondere Verehrung zuteil. Bemerkenswert ist eine erste bildliche Darstellung des Gottes: sie zeigt ihn gemeinsam mit Aphrodite auf einem mit Flügelrossen bespannten Wagen. Die Abbildung findet sich auf einer Amphore aus Naxos und wird der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. zugerechnet.

Die Liebesgöttin Aphrodite-Venus ist denn auch die einzige Freundin des ungehobelten, streitsuchenden Kriegers. So schreibt Ptolemäus im dritten Buch seiner Tetrabiblos: „Eine glückliche Verbindung mit Venus macht aufgeräumt und heiter, beweglich und umgängig, die Kameradschaft liebend, Luxus und üppige Genüsse verehrend, fröhlich, zu Scherzen geneigt, sorglos, musikalisch,  zum Tanzen und Lieben geschaffen, kinderfreundlich....“ (Anm. 6)

Aspekte zu allen anderen Planeten und der Mars für sich alleine stehend sind als grundsätzlich schlecht zu sehen, das Planetenprinzip der Willenskraft erscheint in den antiken Überlieferungen stets als Übeltäter, als „Infortuna minor“, das kleine Unglück. Zwar haben die Römer dem Mars anfänglich einige positive Eigenschaften zugeschrieben, ihn als italische Bauernschutzgottheit und als Vater von Romulus und Remus, den Gründern der Stadt Rom, verehrt. Doch ab ca. 200 v. Chr. wird er dem griechischen Ares immer ähnlicher und an die Stelle von Tapferkeit und Mut treten die eher rüpelhaften Züge des zornigen Kriegsgottes. Und diese Charakteristik wird für die nächsten 1500 Jahre ihre Gültigkeit behalten.

An der Wende zur Neuzeit

Markante und tief einschneidende gesellschaftliche Veränderungen kennzeichnen das Ende des Mittelalters. Mit der Renaissance wird zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert die Idee von der Schönheit und Überlegenheit der griechischen Antike wiedergeboren. Innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung ist der einzelne Mensch nebensächlich geblieben. Nun erkennt sich das Ich als einzigartiges Individuum. Wissenschaftliches Forschen, Abenteuergeist und Entdeckungsfieber erweitern den geografischen und den geistigen Horizont der Menschen. Die Entdeckungsreisen von Kolumbus und Vasco da Gama machen deutlich, dass man ohne verbesserte astronomische Hilfsmittel für die Navigation nicht auskommen kann. Außerdem zeigen die Seereisen, dass die aus der Antike überlieferten Beschreibungen der Erdteile in vielem falsch waren. Und gleichzeitig wird deutlich, dass die nach Ptolemäus berechneten Planetentabellen ungenau sind.

Für den Bereich der Astrologie sind diese Entwicklungen von immenser Bedeutung. Die kopernikanische Wende läutet das Ende des ptolemäischen Weltbildes ein, obwohl es noch einige Jahrhunderte dauern wird, bis das neue Weltbild des Kopernikus allgemeine Anerkennung findet (Anm. 7).

Hinzu kommt, dass die Erfindung der Buchdruckkunst um 1450 eine zweite mediale Revolution mit weitreichenden Folgen in Gang setzt. Heute erscheint es kaum noch vorstellbar, auf welche Weise Literatur vor Anbruch der Neuzeit verbreitet worden ist. Bücher existieren nämlich nur als Handschriften, die von speziell ausgebildeten Mönchen in den Klosterbibliotheken abgeschrieben werden. Jedes einzelne Buch ist eine echte Kostbarkeit. Astrologische Literatur ist somit nur einer elitären Schicht von Gebildeten zugänglich.

1471 gründet Regiomontanus, der eigentlich Johannes Müller hieß, den ersten astrologischen Buchverlag der Geschichte. Auch eine Sternwarte wird von ihm in Nürnberg errichtet. Regiomontanus druckt astrologische Kalender, Ephemeriden, Tabellen und die wichtigsten astrologischen Standardwerke seiner Zeit.

Die Planetenkinder des Mars

Die Kalender und Almanache, die im 16. Jahrhundert in vergleichsweise hohen Auflagen erscheinen, präsentieren sich als bunter Mix, der durch das Jahr begleiten soll. Astronomische Angaben, Hinweise zum Mondzyklus, Bauernregeln und astromedizinische Ratschläge stehen kunterbunt nebeneinander, zur Illustration werden häufig die sogenannten Planetenkindschaften eingesetzt.

Hierbei handelt es sich um druckgrafische Reihen, die in einer Kombination von Text und Bild das mittelalterliche Wissen über Astrologie für den Laien aufbereiten. In einer solchen Bildreihe werden die sieben Planeten beginnend mit Saturn in der Reihenfolge ihrer Entfernung zur Erde dargestellt. Jedes Blatt zeigt im oberen Bildteil den Himmel, der von einer Kristallsphäre abgeschlossen wird, eine Referenz an das noch gültige aristotelisch-ptolemäische Weltbild.

Der Planet fährt - als Person dargestellt - auf einem Triumphwagen am Himmel entlang. Die Menschen mit ihren unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern sind als Kinder der Planeten im unteren Bildteil angeordnet. Sie erhalten ihre Bestimmung und ihre Charaktereigenschaften von den Planeten. Auch die variationsreich gestalteten Landschaften geben Eigenschaften der Planeten wieder.

Eines der bekanntesten Beispiele ist die 1530 entstandene Reihe des Kupferstechers Hans Sebald Beham. Seine Darstellung des Mars zeigt die typischen Attribute des Kriegsgottes. Er trägt Schild und Rüstung trägt und hält sein Schwert hochaufgerichtet in der Hand, bereit zum Kampf. Die Räder des Wagens transportieren die beiden von Mars beherrschten Zeichen, links der Widder, rechts der Skorpion. Darunter ist eine Felsenlandschaft und eine mit Mauern und Türmen befestigte Stadt zu erkennen. Einzelne Szenen sind neben- und übereinander angeordnet, ein brennendes Gebäude, Soldaten, die eine Frau vergewaltigen, Reisende, die überfallen werden und verängstigte Kinder auf der Flucht.

Alle schlechten Eigenschaften des antiken Mars begegnen uns hier wieder. Und fast erscheint es als ewig gültige Wahrheit: Mars ist und bleibt Übeltäter. Die Unterschrift auf dem Marsblatt einer weiteren Planetenkinder-Reihe belegt dies auf eindrückliche Weise: „Der Planet ist böse und hat ein heißes und trockenes Wesen. Sein Kind ist sinnreich, zornig, hat scharfe Gesichtszüge mit einer braunen oder roten Farbe, so, wie die, die an der Sonne verbrannt sind, mit roten Sommersprossen im Gesicht... er ist jähzornig, lässt nichts ungerächt, ist ständig voller Wut und Ungestüm, stiftet gerne Unfrieden, bekümmert die Friedfertigen, ist giftig, prahlt mit seiner Boshaftigkeit und anderen derartigen Werken.“ (Anm. 8)

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       Darstellung des Mars in der italienischen Handschrift „De Sphaera“

Blätter zu den Mondphasen und anderen astronomischen Begebenheiten: Die Planeten in personifizierter Form nehmen hier jeweils fast die gesamte Bildfläche ein, die allegorischen Szenen befinden sich am unteren Bildrand. Das Gesicht des Mars in dieser Reihe ist feuerrot, ebenso seine Arme, Beine und Füße. Er trägt eine goldene Rüstung mit dem strahlenden Löwenkopf an der rechten Schulter. Kriegerische Auseinandersetzungen von mehreren Gruppen sind im unteren Bilddrittel zu sehen.

Bei aller Kontinuität der Darstellung lassen sich in der Vielfalt der druckgrafischen Serien markante Veränderungen feststellen, die den Wandel im Umgang der Menschen mit den Planetenkräften anzeigen. Denn die allegorischen Darstellungen nehmen alltägliche Situationen der Menschen auf und zeigen zugleich die Wirkung der Planeten auf das menschliche Verhalten. Vor allem gegen Ende des 16. Jahrhunderts treten Typisierungen zunehmend in den Hintergrund und das Auge des Betrachters wird auf Nahsicht eingestellt. Der Mensch als Individuum rückt zusehends in den Blickwinkel, Selbstgestaltung, Selbstbestimmung und Individualität haben hier ihren Ursprung und so wird die Renaissance zu Recht als Beginn der Neuzeit verstanden.

Rund 300 Jahre später ist die Zeit reif für eine psychologische Astrologie, das Geburtshoroskop wird zur Landkarte der Seele. Es ist nun möglich, selbst in schwierigen Konstellationen des Mars Chancen und Möglichkeiten zu sehen. An die Stelle eines Fatalismus tritt die Option, Schicksal zu erkennen und zu gestalten. So kann selbst das kleine Unglück zum Glück werden. Wichtige Impulse für diese neue Sicht der Dinge geben die weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen des 16. Jahrhunderts und ihre bildhafte Umsetzung in der Kunst der Renaissance. ---> Teil 3

Anmerkungen
2 - Bereits im 1. Jahrtausend v. Chr. kennen die Babylonier die Finsternisperioden, eine ganze Reihe von Fixsternen, die sieben Planeten und deren Aufgang, Kulmination und Untergang. Im 7. Jahrhundert v. Chr. sind erste Spuren eines siderischen Tierkreises mit ungleich großen Sternbildern nachweisbar.
3 - Aufgrund seiner exzentrischen Umlaufbahn, die im Altertum natürlich noch unbekannt war, zeigt der Mars am Himmel Unregelmäßigkeiten und Schwankungen wie kein anderer Planet. Die Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Oppositionen kann um 50 Tage variieren. Mars bleibt im Verlauf seines zweijährigen Zyklus ein gutes halbes Jahr unsichtbar, danach ist er kaum sichtbar für einige Zeit am Morgenhimmel zu sehen. Erst während der drei bis vier Monate, bis er die Opposition zur Sonne ereicht, nimmt seine nächtliche Sichtbarkeitsdauer und sein roter Glanz zu, und zwar stetig. Die Opposition in den Wintermonaten ist besonders eindrucksvoll, da Mars als hell leuchtendes Gestirn hoch oben am südlichen Nachthimmel zu sehen ist.
4 - Claudius Ptolemaeus. Tetrabiblos. Mössingen 2000, S. 33
5 - ebd. S. 110
6 - ebd. S. 212
7 - Schon 1502 begann Nikolaus Kopernikus (1473-1543) mit der Ausarbeitung des heliozentrischen Weltbildes. Seine Erkenntnisse fasste er in dem 1543 erschienenen  Werk "Über die Umschwünge der himmlischen Kreise" (De revolutionibus orbium coelestium) zusammen. Nach Kopernikus befindet sich die Sonne im Zentrum des Weltalls und die Planeten bewegen sich auf kreisförmigen Bahnen um die Sonne.
Dieses neue Weltbild und die Entdeckungen von Kepler, Galileo und Newton haben die Trennung von Astrologie und Astronomie herbeigeführt.
8 - Anton Hauber. Planetenkinderbilder und Sternbilder: Zur Geschichte des menschlichen Glaubens und Irrens. Strassburg 1916, S. 24

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